Akkordeonissimo progressiv

Bundesakkordeonorchester und 1. Orchester der Akkordeonvereinigung 1936 Pfungstadt e.V. präsentierten Neue Musik in der Mehrzweckhalle Pfungstadt-Eschollbrücken

Anlässlich des außergewöhnlichen Dreifachjubiläums 125 Jahre Stadt Pfungstadt, 75 Jahre Akkordeon-Vereinigung 1936 Pfungstadt e. V. und 180 Jahre Akkordeon hatten die Stadt Pfungstadt und die AVP zu einem ganz besonderen Konzert am 11. Juni eingeladen. Außer zahlreichen ortsansässigen Akkordeonfans waren Fachleute aus ganz Deutschland angereist, Vertreter von Akkordeonvereinigungen, u. a. auch der Präsident des Deutschen Harmonika Verbandes (DHV) Fritz Dobler.
Geboten wurde mit ausschließlich modernen Akkordeon-Kompositionen wahrhaft Außergewöhnliches, weshalb AVP –Vorsitzender Professor Dr. Matthias Hemmje in seiner Einführung dem Publikum für- und vorsorglich empfahl, althergebrachte Vorurteile beiseite zu schieben, sich von lieb gewordenen Hörgewohnheiten zu lösen, sich zu öffnen und einzulassen auf abenteuerliche Pfade musikalischer Erfahrungen.
Welch ein Erlebnis, wenn zwanzig, dreißig herrliche Akkordeons mit ihren unzähligen durchschlagenden Zungen singen, flüstern, nie gehörte musikalische Kreationen hervorbringen, rhythmische Explosionen, Sphärenklänge, Stampfen, Säuseln, feines Rascheln, Liebliches und Dissonantes in fast unvorstellbarer Dichte, die das einst volkstümliche Instrument in einem neuen, anderen Licht erscheinen ließen: Zeitgemäß, authentisch, hoch anspruchsvoll.
Das 1. Orchester der AVP brachte unter der Leitung von Jens Jourdan Ausschnitte aus seinem Programm zum Hessischen Orchesterwettbewerb zu Gehör, der im Herbst in Schlitz ausgetragen wird: Paul Kühmstedt (1908-1996), Drei Impressionen (1983) mit den Sätzen Marsch, Vieille Chanson, Burleske sowie von dem persönlich anwesenden Fritz Dobler (*1927) den vierten Satz aus Keniade (2001).
Das Bundesakkordeonorchester unter Leitung von DHV-Bundesdirigent Stefan Hippe spielte von Friedrich Haag (1880 – 1959), Rhapsodischer Walzer Nr. 1 (1933), von Werner Heider (*1930), Der Dreiklang (1983) – Eine Spezialität für Akkordeonorchester mit den Sätzen Terzlage, Quintlage und Oktavlage, von Bernhard Weidner (*1965), Zwei Andreas-Feininger-Skizzen (1998) und schließlich aus dem umfangreichen kompositorischen Werk des Dirigenten Stefan Hippe (*1966) MOEHB (1991) mit den sieben Sätzen Für die Erste, Für die Zweite, Für die Dritte, Für die Vierte, Für den Bass und die Elektronien, Intermezzo lirico, Finale. Hippe moderierte den von ihm dirigierten Teil des Konzerts selbst, was sich für das Publikum als hilfreich zum Verständnis erwies und zudem in sympathischer Art und Weise verriet, dass hinter der teils doch abstrakt wirkenden Musik ein lebendiger und humorvoller Mensch steht.
So überraschend die akkordeonistische Konzert-Präsentation auf manchen Besucher in Eschollbrücken gewirkt haben mag, so selbstverständlich und sicher steht sie im Licht der zeitgenössischen Musikentwicklung, wo das Akkordeon nach den ersten hundert Jahren seiner Existenz als mehr oder weniger proletarisches Unterhaltungsinstrument schließlich seinen festen Platz auch im so genannten E-Bereich eingenommen hat. Nachdem seinerzeit um das Jahr 1928 die ersten Akkordeon-Orchester entstanden waren, entwickelte sich schnell eine rege Konzerttätigkeit in ganz Westeuropa. Mit wachsendem Bedarf und Einsatz höherwertiger Konzertinstrumente folgte konsequenterweise bald der Ruf nach spezieller Akkordeonliteratur. Paul Hindemith war einer der prominenten Mentoren dieser Entwicklung. Die erste Originalkomposition für Akkordeonorchester war der 1933 entstandene Rhapsodische Walzer Nr. 1 von Haag, damals noch beidhändig zu spielen. Das Werk wurde jetzt beim Konzert durch Anspielen der Urform im Vergleich zur Bearbeitung für heutige Besetzung besonders gewürdigt. Als dieser Konzertwalzer vor 68 Jahren unter Hermann Schittenhelm uraufgeführt wurde, war Fritz Dobler, dessen Komposition aus Keniade (2001) zuvor vom 1. Orchester der AVP bravourös interpretiert wurde, gerade mal 6 Jahre alt.
Nach ausgiebigem Applaus gewährte das Bundesakkordeonorchester eine Zugabe und spielte einen Marsch aus 10 von Mauricio Kagel, was sehr lustig und nach allem Gehörten geradezu ein kleines bisschen altmodisch klang.
Für Freunde der Akkordeonmusik war dieses Konzertereignis ein ganz großer Glücksfall. Das außergewöhnliche erst 180 Jahre junge Instrument mit seinen unendlich vielen Ausdrucksmöglichkeiten liegt voll im Trend, ist für Neue Musik wie geschaffen!
Die Präsentation eines derart modernen Repertoires zeitgenössischer Musik, speziell für Akkordeonorchester komponiert und professionell dargeboten, die Anwesenheit zweier Komponisten und der gute Publikumszuspruch gereichten den Veranstaltern, Stadt Pfungstadt und Akkordeonvereinigung 1936 Pfungstadt e.V. zu einem Erfolg, der hoffentlich noch lange Früchte trägt.
Weitere Informationen zu Akkordeonkonzerten, Akkordeon-Unterricht, Orchesterspiel für Jung und Alt bei der AVP unter www.avp-1936.de und Telefon 06157/990945.